Besser schreiben: Von Friedhöfen, Ängsten & roten Fäden

8.00 Uhr morgens an einem Tag im Mai 2014. „Ihr habt jetzt 5 Stunden Zeit, euch für ein Thema zu entscheiden und den entsprechenden Text dazu zu verfassen“, erklärt Andreas, der uns die letzten anderthalb Jahre durch den Deutsch-Matura-Kurs begleitet hat. Er setzt sich an den Schreibtisch und klappt seinen Laptop auf. Wir sind uns selbst und den vier Matura-Themen überlassen. Erörterung, Interpretation … den Rest hab ich vergessen. Der Druck ist förmlich spürbar im Raum – für fast alle von uns ist das Schreiben eine Qual. Vor allem auf Knopfdruck und dann noch mit zeitlichem Limit. Fünf Stunden mag sich wie eine Ewigkeit anhören. Aber wenn der Kopf leer ist, dann kommt auch in 12 Stunden nichts Brauchbares heraus.

Ich lese die Themen durch und entscheide mich – als Einzige der Klasse – für die Interpretation. Vor der mich jeder gewarnt hat, weil sie soviel Fehlerpotential bietet und gerne für eine miese Note sorgt. Vermutlich weil Interpretationen soviel Raum für Interpretationen lassen. Aber ich kann nicht anders. Dieser morbide Text über tote Kinder, die nachts über den Friedhof wandern fasziniert mich irgendwie. Ich wäge kurz die Risiken ab: Entweder wird das ein Bomben-Einser oder ein Schuss in den Ofen. Ich gehe auf Risiko. Nicht weil ich den Nervenkitzel brauche – nein, es ist dieser groteske Text der Autorin, der mich nicht loslässt. Ich MUSS einfach darüber schreiben, weil es mich innerlich fesselt und ich hab dazu was zu sagen. Und das muss raus. JETZT.

Drei Stunden später gebe ich meine fertige Arbeit ab. Unsicher, ob das jetzt gut genug war – aber mit einem zufriedenen Lächeln, weil es mich so erfüllt, wenn ich was aufs Papier gebracht habe, was mich wirklich beschäftigt hat. Die anderen schwitzen noch, verstehen nicht, wie ich schon fertig sein kann. Sie blicken mich mit großen, leeren Augen an, als ich durch das Klassenzimmer in Richtung Feierabend marschiere.

Tipp 1: Schreibmuskeln aktivieren und trainieren

Angefangen zu schreiben habe ich zwar früh, aber unregelmäßig. Ich habe mich phasenweise damit beschäftigt – und dann wieder nicht. 2011 begann ich in einer Bäckerei im Allgäu zu arbeiten, wo ich quasi „entdeckt“ wurde. Vom Bäcker für Entdecker. Lustiger Zufall? Na, ich glaube nicht. Nomen est Omen. Jedenfalls durfte ich dort fast zwei Jahre lang lernen, was es heißt, auf Knopfdruck kreativ zu sein. „Redaktionsschluss für die Anzeige ist heute mittag, Judith – sorry, hab ich vergessen, dir zu sagen – aber das kriegst du schon hin.“ Meine Standardsituation.

Um also immer und in jeder Situation etwas Sinnvolles, Lesbares, Interessantes aus deinem Kopf heraus, übers Handgelenk aufs Papier zu bringen, kannst du genau eines tun:

immer und in jeder Situation schreiben!

Es ist ein bisschen wie mit dem Sport. Da trainiert man auch regelmäßig, anfangs ist es mühsam, man fühlt sich wie schwerfällig. Alles läuft zäh. Aber nach und nach wird es leichter – oder zumindest anders und die Hemmschwelle, „es“ einfach zu tun, ist niedriger. So ist es mit dem Schreiben auch. Du gewöhnst dich daran, es immer wieder zu tun. Und plötzlich ist diese Hürde (oder auch „die Angst vor dem weißen Blatt“) weg. Weil du sicher sein kannst, dass da in ein paar Minuten was steht, was da vorher noch nicht stand. Schreibmuskeln lassen sich also trainieren.

Tipp 2: Löse die Kopf-Hand-Blockade

Manchmal ist der Kopf einfach zu voll. Das halbe – oder das ganze – Buch ist eigentlich drin im Schädel. Aber du bekommst es nicht raus. Als ob es da drin festkleben würde. Dann brauchst du entweder einen Zauberstab und ein Denkarium (das magische Teil von Albus Dumbledore, in das man mithilfe des Zauberstabes seine Gedanken und Erinnerungen aus dem Kopf ziehen und ablegen kann) oder eins der folgenden Dinge:

Evernote, ein Tagebuch oder einen Blog.

Egal, was davon du nutzt, es hilft. Glaub mir. Alles, was in deinem Kopf drin ist – und sei es noch so kompliziert, nicht spruchreif, hässlich, verworren und durcheinander – muss raus. Damit es luftig wird da oben und du sortieren kannst. Deswegen schlägst du zwei Fliegen mit einer Klappe, wenn du nicht schreiben kannst:

Du schreibst

(siehe Tipp 1 – immer und überall). Und zwar alles, was da drin ist. Deine Wut, deinen Frust, deine Ideen, was immer gerade zuerst rauswill. Schreib es auf. Altmodisch in ein Tagebuch. Auf einen Notizblock. Oder du nutzt Evernote – eine App in der du Notizen & Notizbücher anlegen kannst. Ich schreibe ständig auf Evernote. Alles, was ich schreibe liegt da drin. Auch mitten in der Nacht nutze ich diese App. Da habe ich manchmal Ideen, die aus dem Kopf wollen, weil ich sonst nicht schlafen kann. Die springen da drin rum und machen Radau. Also tippe ich sie schnell in die App (die du auch offline verwenden kannst). Oder du bloggst direkt über alles, was so in dir vorgeht. Auch eine Möglichkeit. Habe ich jahrelang gemacht. Das nimmt einem gleichzeitig die Scheu, gelesen zu werden.

Wenn du den Kopf soweit geleert hast, kann es weitergehen. Keine Minute vorher. Und zwar so, dass du verstanden wirst.

Tipp 3: So schreiben, dass es jeder versteht?

Von der utopischen Vorstellung, von jedem verstanden zu werden, verabschieden wir uns lieber. Du kannst dir in einem sicher sein: Irgendjemand wird deinen Text immer falsch oder überhaupt nicht verstehen. Das macht nichts.

Aber du kannst deine Texte lesbarer gestalten. Schreibe in kurzen Sätzen, die nicht über fünf Absätze gehen. Hier muss ich mich selber an die Nase fassen. Ich glaube, ich könnte ein Buch in einem Satz schreiben, ohne dabei Atem zu holen. Selbsterkenntnis ist ja bekanntlich … egal. Lies deinen Text am Ende durch und schau, ob du Sätze teilen kannst, wenn sie dir zu lang erscheinen. Aber bitte nicht so, dass es nach Stakkato klingt. Der Text sollte schön in deinen Ohren klingen, wenn du ihn dir laut vorliest.

Verwende einfache Worte. Je nachdem in welchem Bereich du tätig bist, gibt es (d)eine Fachsprache. Vermutlich verwendest du Worte aus deinem Tätigkeitsbereich ganz intuitiv. Und vermutlich wissen viele deiner Leser*innen nicht, was du damit meinst. Es sei denn, sie kommen ebenfalls aus dem Fachbereich. Daher achte darauf, ob deine Worte auch für Neu-Leser*innen verständlich sind. Und noch eins:

Besser schreiben: mit Struktur & Ordnung

Ich bin grundsätzlich auch eher kreativ-chaotisch veranlagt (was mein Steuerberater bestätigen kann). Und bis vorgestern dachte ich, dass meine Texte völlig willkürlich entstehen. Bis ich beim Schreib-Training meiner Kundin erklären durfte, wie sie am besten einen Text aufbaut. Plötzlich stellte ich überrascht fest, dass ich sehr wohl ein System hatte, an das ich mich – aus dem Bauch heraus – hielt.

Anfang, Mitte, Ende – und der rote Faden

Mehr muss ich eigentlich nicht dazu schreiben. Logisch, oder? Du hast einen Anfang, einen Mittelteil und ein Ende. Und um alles drumherum gewebt ist der rote Faden namens „Was will ich mit diesem Text eigentlich sagen?“ Das kläre ich vorher, bevor ich schreibe. Mit diesem Leitgedanken im Kopf (den ich vorher geleert habe, wenn nötig) baue ich den Rest auf.

Ich hoffe, dieser Artikel hat einige deiner Fragen zum Thema Schreiben beantwortet. Gleichzeitig bin ich sehr neugierig auf weitere Fragen, die du hast. Wo sind deine Herausforderungen beim Schreiben? Auf welche Frage brauchst du eine Antwort? Was würde dir weiterhelfen?

Schick mir eine e-Mail oder hinterlasse einen Kommentar. Ich greife deinen Input gerne auf!

Übrigens, apropos roter Faden und so …

Es war ein Bomben-Einser – meine Matura-Arbeit.

Talente erkennen

Talente erkennen

Talente sind eigenartige Zeitgenossen. Jeder von uns besitzt sie und doch sind viele von uns nicht in der Lage, sie zu sehen. Am allerwenigsten die eigenen. Talente lieben es, sich zu verstecken. Im Verborgenen warten sie darauf, dass einer sie entdeckt. Sie zählen bis 100. Oder 1000. Meist noch viel weiter. Oft bleiben sie  einfach dort sitzen und warten bis jemand kommt, der sie findet.

Der Mensch, den sich dieses Talent ausgesucht hat, merkt meist nichts davon. Das liegt daran, dass er vielleicht abgelenkt ist. Oder unaufmerksam. Er bemerkt gar nicht, dass ihm manche Dinge leichter fallen als anderen Menschen. Wofür andere Tage, Wochen oder gar Jahre benötigen würden – und selbst dann kein vergleichbares Ergebnis hätten – das schüttelt er aus seinem Ärmel. Dabei fühlt er nichts Besonderes. Denn es ist ja leicht für ihn.

Das ist das Tückische an Talenten: Wir spüren sie nicht. Denn sie wiegen fast nichts. Sie sind leichter als ein Lufthauch. Und wo wir nichts spüren, da kann doch auch nichts sein. Oder doch?

Besitzt dein Unternehmen laute oder leise Talente? 

Doch, da ist etwas. Jeder von uns besitzt es. Meist sogar mehrere davon. Je nachdem, ob du ein lautes oder ein leises Talent besitzt, bemerken es die anderen Menschen. Während du selbst immer noch nichts spürst. Laute Talente sind die, die einem förmlich ins Gesicht springen. Eine besondere Stimme, die Fähigkeit viele Menschen zu begeistern, den Auslöser drücken im richtigen Moment – immer und immer wieder … das sind die Talente, die eine Bühne brauchen: Rampenlicht-Talente.

Und dann gibt es da noch die leisen Talente. Die, die Zwischentöne spüren. Jene, die die richtigen Menschen miteinander bekannt machen. Die Menschen, die mit ihrer Freundlichkeit anderen den Tag verschönern, ohne dass sie es selbst merken. Das sind die Hinter-den-Kulissen-Talente. Diese leisen Talente  zählen oft noch viel weiter als nur  bis 1000. Vielleicht werden sie sogar nie gefunden.

Talente erkennen: eine knifflige Angelegenheit. Aber nicht unmöglich.

Ein Talent braucht immer zwei Menschen

Im Grunde ihres Wesens wollen Talente entdeckt werden. Es liegt in ihrer Natur zu leuchten. Auf der Bühne oder dahinter. Dazu brauchen sie zwei Menschen: einen, der sie in sich trägt und einen, der sie entdeckt und ihnen zeigt, welche Bühne die ihre ist. In seltenen Fällen reicht dafür ein Mensch aus. Meistens aber nicht.

Genau hier liegt mein Talent. Eines davon. Glaub nicht, dass ich da von selber draufgekommen wäre. Ich brauchte erst einen anderen Menschen, der mich darauf aufmerksam gemacht hat. Der zu mir kam und sagte: „Rede mit meinen Mitarbeitern – finde ihre verborgenen Talente heraus und gib ihnen eine Bühne. Mach das bitte. Weil das ist es, was du kannst.“ Das hat mich irritiert. Kann das (m)ein Talent sein? Und wenn ja, woher kommt es? Ich habe diese Fähigkeiten nicht erlernt bzw. gelernt und was ich nicht gelernt habe, das kann ich doch auch nicht ausüben.

Falsch.

Ein Talent ist da, weil es sich dich ausgesucht hat.

Ein Talent wird nicht erlernt oder gelernt. Es ist da. Weil es sich für dich entschieden hat. Ich kann das nicht oft genug betonen. Es ist da, weil es sich durch dich – und nur durch dich – zum Ausdruck bringen kann. Du schenkst ihm Leben. Ohne dich ist es nichts.

Was tust du nun, wenn jemand dein Talent erkennt? Du gehst raus und lässt es leuchten. Du tust, was das Talent erfordert. Was du kannst. Was dir leicht fällt. Du spürst es vielleicht gar nicht, weil du einfach das tust, was dir Freude macht. Und du bemerkst erst nicht, welche Auswirkung das auf die Welt hat. Mit etwas Übung & Mut findest du heraus, was dein Talent wirklich bewirkt.

Ich habe das getan. Inzwischen kann ich sagen:

Ich erkenne, wenn ein Talent vor mir steht. 

Ich erkenne es nicht nur, ich kann auch sehen, wo sein Platz ist. Seine Bühne. Wo es sich am besten entfalten kann. Auf diese Weise habe ich faszinierende Menschen kennengelernt – und sie sich selbst auch:

  • einen Künstler, der wochenlang in der Einsamkeit an einem Didgeridoo mit Schlangenkopf schnitzt und  gleichzeitig köstliche Menüs für 4 Personen in 5 Minuten zaubern kann
  • eine Rebellin, mit einer kaum zu bändigenden Energie, die es schafft aus jedem ihrer Mitarbeiter das Beste herauszufordern, was in ihm steckt
  • einen netten Typen, der mit seinen Qualitäten vermutlich bei jedem Geheimdienst der Welt anheuern könnte
  • einen Engel, der Harmonie & Wohlbefinden in seiner Umgebung versprüht, wie andere Menschen diese pffft-pfft-Raumdüfte
  • einen kleinen Vulkan, dem das Entertaining der ganzen Welt im Blut liegt
  • eine kreative Gestalterin, die eine so gewaltige Umsetzungskraft in sich trägt, das einem schier der Atem stockt

Das alles innerhalb eines Unternehmens. An einem Tag.
Innerhalb von nur 6 Mitarbeiter-Interviews.

Talente erkennen. Und dann?  Licht ins Dunkel!

Talente sind wirklich witzig. Hat man sie einmal aus der Dunkelheit befreit, fangen sie an zu strahlen, als ob sie nie was anderes getan hätten. Haben sie erst einmal ihre Bühne bekommen, gehen sie nach draußen in die Welt, als hätten sie sich nie versteckt. Sie wachsen. Wie ihre Menschen.

Gibst du dir selbst und deinen Mitarbeitern die Möglichkeit, entdeckt zu werden – ihre Talente entdecken zu lassen – kommt plötzlich so einiges in Bewegung.  Der erste Schritt dazu ist, sich jemanden an Bord zu holen, der diese Talente erkennt. Damit das Warten ein Ende hat. Damit das Leuchten beginnen kann. Für dich selbst, für deine Mitarbeiter und für das ganze Unternehmen.

Dann kommt die Zeit für die Bühne(n).

(coming soon)

Danke an meine Freundin, Kollegin & begnadete Designerin Petra Burger für den wunderbaren scratchy-blurry Hintergrund des Titelbildes!